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Mit dem Velo vom Atlantik ans Mittelmeer oder:  Der Weg ist das Ziel

Schon fast seit Jahrzehnten unternehmen meine Schulfreundin und ich jeweils im Sommer eine längere Veloreise. Dieses Jahr soll es der Canal du Midi sein. Da dieser aber nur mickrige 240 km lang ist, hängen wir noch den Canal de la Garonne an. Dies ist  die offizielle Velo-Route „Entre deux Mers“,  von Bordeaux nach Sète  am Mittelmeer.  Zuerst einmal müssen wir das Problem der Hinreise lösen. Um die Streiks und Ausfälle der TGVs in Frankreich zu umgehen, buchen wir einen Direktflug nach Bordeaux. Das Problem des Velotransports ist damit aber noch nicht gelöst: Für den Flug müssen Vorderrad, Pedalen und Lenker demontiert und alles in einen grossen Transportkarton verpackt werden. Wir trauen dies unserem technischen Geschick nicht zu und finden zum Glück auf dem Flughafen den „Safe Bag“-Schalter. Der freundliche, junge Herr, der sonst Koffer in rosaroten Plastik einhüllt,  zerlegt und verpackt unsere Velos fachgerecht. Stolz schieben wir unsere monströsen Kartons zum Sperrgut-Schalter.

In Bordeaux geht es nicht ganz so reibungslos weiter. In einer Velo-Werkstatt lassen wir die Räder wieder auf Vordermann bringen. Eine kaputte Kette und sechs Speichen müssen ersetzt werden, bis wir dann endlich am dritten Tag mit gutem Gefühl und sicheren Velos die ersten Kilometer unter die Räder nehmen können.

Aquädukt

Geht es Ihnen nicht manchmal auch so? Sie sehen viele spannende und eindrucksvolle Orte. Aber der Name fällt Ihnen zu Hause partout nicht mehr ein? Wo war das doch schon wieder, wo wir in diesem netten Chambre d’hôte übernachteten? Im gemütlichen Garten erholten wir uns von dem anstrengenden, heissen Velotag und die Wirtin gab uns am nächsten Morgen noch frische Eier von eigenen Hühnern fürs Picknick mit. In einer kleinen Bar jubelten wir mit den Franzosen mit, als sie an der Fussball-WM Argentinien besiegten und in den Viertelfinal einzogen. So bleiben viele sympathische Erlebnisse in Erinnerung haften. Zum Beispiel die Sonntagmorgen-Möchtegern-Rennfahrer, die uns beim Überholen aufmunternd „Bon Courage!“ zuriefen. Oder die grosse Péniche, beladen mit Lautsprechern und Material für ein Festival, die wir zwei Tage lang unterwegs immer wieder bei ihren gekonnten Manövern in Schleusen und Häfen beobachteten. Der Kapitän und seine Besatzung begrüssten uns schon fast wie alte Bekannte, wenn wir sie an der Schleuse erwarteten.

Überhaupt ist diese Route geprägt von Schleusen, Häfen und Booten. Schleusen - manchmal mehrere hintereinander- und Aquädukte sind bauliche Meisterwerke, die einen zum Staunen bringen. Ist es nicht imposant, wenn für den Kanal eine eigene Brücke gebaut wird, damit er einen anderen Fluss, eine Schlucht oder eine Strasse überqueren kann?

Canal du Midi

Nach gut 650 km erreichten wir - stolz auf unsere Leistung - die quirlige Hafenstadt Sète. Wir waren dankbar, dass wir trotz teilweise unzumutbaren Wegverhältnissen pannen- und unfallfrei am Ziel ankamen. Die einzige Fast-Karambolage gab es nur mit drei selbstsicheren Entenfrauen, die für ihr morgendliches Bad laut schnatternd aus dem Gebüsch watschelten und direkt vor meinem Vorderrad den Weg zum Kanal überquerten. Raten Sie mal: Wer bremste, um den Zusammenstoss zu verhindern? Die Enten oder ich?

Ein Blog von Brigitte Tschuppert, Bertschikon